Logbuch der „Plan Sea“: Flensburg, Belte und Sund
Eine Woche zwischen nautischer Präzision und der Freiheit der See
Der Prolog: Das Zusammenkommen im Amadeus
Alles begann am 9. April mit jener erwartungsvollen Unruhe, die jedem großen Segeltörn vorausgeht, als wir uns im Amadeus zusammenfanden. Da wir uns bis zu diesem Zeitpunkt nur als Namen auf
einer Liste kannten, lag eine sympathische Spannung in der Luft, während jeder Neuankömmling versuchte, das richtige Ziel unter den vielen besetzten Tischen auszumachen. Unsere Crew für diese
Woche stand nun fest: Uwe, unser Skipper und ein Seebär von echtem Schrot und Korn, hatte mit Cord als seiner rechten Hand die Führung übernommen. Die Mannschaft wurde durch Andreas, Günther,
Heiko und Cayd vervollständigt.
Uwe hatte die Navigation an Land bereits fest im Griff: Mit der Routine jahrzehntelanger Erfahrung präsentierte er uns perfekt vorbereitete Listen und Vordrucke, die das organisatorische Rückgrat
unserer Reise bilden sollten. Zwischen dem Austausch erster Anekdoten und einem kühlen Bier wurden Kontakte geknüpft und die Aufgaben verteilt, sodass die Planung fast wie von selbst
ineinandergriff. Ein Geistesblitz von Andreas bewahrte uns vor einem logistischen Fiasko, als er uns rechtzeitig daran erinnerte, dass der 1. Mai auch in Flensburg ein Feiertag ist. So wurde die
große Verproviantierung kurzerhand auf den 30. April in Hannover vorverlegt. Anderthalb Stunden intensiver Suche bei Kaufland und vier bis zum Rand gefüllte Einkaufswagen später war die Messe
gesichert – und das zu einem Preis, der unser Budget weitaus weniger belastete als ursprünglich befürchtet.
Freitag, 01. Mai: Die Inbesitznahme
In Flensburg erwartete uns schließlich die PLAN SEA, eine Sun Odyssey 410, deren moderne Linienführung und strahlendes Weiß im Sonnenlicht sofort unsere Begeisterung weckten. Nachdem wir im Hafen
auf die kommende Woche angestoßen und uns im exzellenten Odore-del-Mare gestärkt hatten, nahmen wir das Schiff endgültig in Beschlag. Das Verstauen der Vorräte glich zunächst einem komplizierten
Puzzle, doch die Yacht gab nach und nach ihre raffiniert versteckten Stauräume preis, bis auch die letzte Konserve sicher untergebracht war. Die erste Nacht an Bord verging unter dem sanften
Glucksen des Wassers gegen den Rumpf.
Samstag, 02. Mai: Von maritimer Etikette und dem verschwundenen Käse
Der Samstagmorgen begann um sieben Uhr mit der geschäftigen Routine aus Kaffeekochen und dem Holen frischer Brötchen durch Andreas und Günther. Dass wir das Frühstück auf einer handgenähten
Tischdecke servierten, die Uwe bereits auf unzähligen Meilen begleitet hatte, verlieh der Tafel eine ganz besondere, fast schon feierliche Note. Die kulinarische Idylle wurde lediglich durch das
rätselhafte Verschwinden des Käses und des Kohlrabis getrübt; trotz intensiver Suche in allen Luken und Fächern mussten wir schließlich einsehen, dass diese Zutaten wohl nie den Weg in den
Einkaufswagen gefunden hatten.
Nach einer fundierten Grundeinweisung in die Technik und das stehende Gut sowie einer Fachdiskussion über das korrekte Klampenbild an der Vorspring, hieß es um kurz nach elf Uhr: Leinen los. Da
sich der Wind zunächst rar machte, schoben wir die ersten Meilen unter Maschine, bevor wir bei günstigem Einfallswinkel endlich die Segel setzen konnten. Mit fünf bis sechs Knoten liefen wir
Richtung Sønderborg, wobei wir die Zeit für erste Wenden, Halsen und eine Passage im Schmetterling nutzten, bevor wir pünchtlich um viertel vor vier im Konvoi mit anderen Yachten die Brücke
passierten. Der Tag fand seinen Ausklang im malerischen Dyvig, wo wir uns bei Uwes eingelegten Heringen und Seemannsgeschichten stärkten und den ersten Sonnenuntergang bei einem guten Rum
genossen – während das übermäßig helle Ankerlicht eines Nachbarn für amüsierten Gesprächsstoff sorgte.
Sonntag, 03. Mai: Manöver im Regenloch
Nach einer Nacht, die für die Angler leider erfolglos blieb, setzte pünktlich nach dem Frühstück der Regen ein. Wir nutzten die Zeit für die Törnplanung, bis sich ein „Regenloch“ auftat, das wir
sofort für intensives Manövertraining nutzten. Am Steg übten wir das präzise Werfen der Schoten um die Dalben, was sich als weitaus anspruchsvoller erwies als zunächst vermutet, gefolgt von
komplexen Anlegeübungen wie dem Eindampfen in die Achterspring.
Nach einer kurzen Stärkung mit Würstchen und scharfem Senf nahmen wir Kurs auf Fynshaven. Unterwegs bot uns die Natur ein besonderes Schauspiel, als die ersten Schweinswale ihre Rückenflossen aus
dem Wasser hoben. Das Anlegen im Zielhafen gelang dank der vorangegangenen Übungen perfekt. Während das Bimini uns an Deck zunächst noch Schutz vor den Schauern bot, verbrachten wir den
restlichen Abend aufgrund der sinkenden Temperaturen schließlich unter Deck bei Bier und Nüssen, während Cord seine Kochkünste unter Beweis stellte und uns mit einem hervorragenden
Putengeschnetzeltem mit Mangochutney verwöhnte.
Montag, 04. Mai: Die Jagd nach den Meilen und dem Dorsch
Ein unruhiger Montagmorgen empfing uns mit dem rhythmischen Schlagen der Leinen gegen die Masten der Nachbarschiffe. Während Heiko bereits seine Laufrunde absolviert hatte, bereiteten wir das
Frühstück mit Aufbackbrötchen vor, da die örtlichen Bäcker geschlossen hatten. Mit dem Tagesziel Svendsborg vor Augen legten wir um zehn Uhr ab und setzten die Segel bei einer Brise von etwa vier
Beaufort. Der Tag stand ganz im Zeichen der Segelpraxis: Wenden, Halsen, das Spiel zwischen Luv und Lee sowie das stetige Üben von Anluven und Abfallen forderten unsere volle Konzentration.
Die Einfahrt nach Svendsborg zog sich zwar in die Länge, entschädigte uns aber mit dem Anblick historischer Museumsschiffe, bevor wir in einer modernen Anlage direkt bei einem Supermarkt
festmachten. Hier konnten wir endlich die Käsevorräte aufstocken, wenngleich der Kohlrabi weiterhin unauffindbar blieb. Kulinarisch wurde der Abend durch frischen Dorsch und Lengfisch auf Salat
gekrönt, wobei die Improvisationskunst beim Kartoffelstampfen mittels einer Olivenölflasche einmal mehr den wahren Seglergeist bewies.
Dienstag, 05. Mai: Hafenkino und navigatorische Lehren
Nachdem wir die komplizierte Logistik der Hafenduschen durchschaut hatten, widmeten wir uns dem „Wenden auf dem Teller“ – ein Manöver, das wir unter Uwes Anleitung zur Freude der Zuschauer im
Hafenbecken perfektionierten. Auf dem Weg nach Bagenkop passierten wir beeindruckende Brückenbauwerke und nutzten die Zeit für Quickstop-Manöver und das Klären von Vorfahrtsregeln.
In Marstal erfuhren wir eine praktische Lektion in Geometrie, als wir feststellen mussten, dass unsere Yacht in einer 3,80 Meter breiten Box an die Grenzen der Physik stößt. Cord bewahrte jedoch
die Ruhe, und Heiko glänzte beim anschließenden Anlegen in der Nachbarbox mit einem perfekten Dalbenwurf. Der Abend in der Kombüse war dem Rinderfilet gewidmet, das trotz eines hitzebedingten
Opfers in Form des Fleischthermometers perfekt gelang. Cayd angelte an diesem Abend einen Skorpionfisch, während Heiko eine kleine Scholle über die Reling zog – beide jedoch zu klein für die
Pfanne.
Mittwoch, 06. Mai: Der Halo und die Fischer-Kameradschaft
Der Mittwochmorgen begann mit dem Geläut der Kirchenglocken und Kurs 256 Grad Richtung Kappeln. Ein Halo um die Sonne sorgte für meteorologische Diskussionen, doch das Wetter blieb uns entgegen
aller Lehrbuchregeln stabil gewogen. Ein besonderes Highlight auf dem Plotter waren die „12 Knoten schnellen Seehunde“, die sich bei näherer Betrachtung als Drohnen einer Militärübung
entpuppten.
Bei abflauendem Wind setzten wir um 14:10 Uhr den Gennaker und erreichten beachtliche 7,8 Knoten über Grund. In Kappeln angekommen, gönnten wir uns ein Anleger-Softeis direkt vor dem Angelladen,
bevor wir uns mit neu erworbenen Paternostern der Heringsjagd widmeten. Während andere in unserer Nähe sichtlich mehr Glück hatten, blieb unsere eigene Ausbeute mit lediglich drei selbst
gefangenen Heringen zunächst bescheiden. Es war jedoch das Glück des Tüchtigen, dass wir auf einen erfahrenen Angler trafen: Nachdem er bereitwillig sein Wissen geteilt hatte, bewies er wahre
Fischer-Kameradschaft und überließ uns eine großzügige Handvoll weiterer Heringe, sodass unsere Mahlzeit am Ende doch noch gesichert war.
Donnerstag, 07. Mai: Funkspruch und kulinarische Höhepunkte
Ein strahlender Morgen in Kappeln leitete unseren vorletzten Tag ein. Bevor wir jedoch die Segel für die heutige Etappe setzten, bereiteten wir in der Kombüse die Beute vor: Gegen 13:00 Uhr
wurden die frisch gefangenen und geschenkten Heringe in die Pfanne gehauen und stilvoll auf Schwarzbrot mit Zwiebeln kredenzt.
In der Bucht von Olpenitz trainierten wir anschließend intensiv das „Mann-über-Bord“-Manöver, bis jeder Handgriff saß. Wenig später wurde die Bordelektronik durch einen Funkspruch eines
Kriegsschiffs lebendig. Wir konnten zuhören wie Segelschiff, freundlich aber bestimmt, aus einem Sperrgebiet dirigiert wurde. Nach einem kurzen Einsatz des Gennakers nutzten wir die Flaute, um
den Großbaum als Hängematte zu testen – eine bequeme, wenn auch ungewöhnliche Art der Mittagsruhe. Da wir die Brückenöffnung in Toft knapp verpassten, wichen wir in die Marina Minde aus, wo wir
im Restaurant Anker’s bei Scholle und Black Angus den Abend in maritimer Atmosphäre genossen.
Freitag, 08. Mai: Der Wal zum Abschied
Der letzte Tag führte uns schließlich durch die Brücke von Toft zurück in Richtung Heimat. Ein letztes Ankermanöver in einer stillen Bucht forderte unsere Technikbegeisterung: Das Fock ließ sich
nicht ausrollen! Während wir die verwirrten tampen lösten, dann die Krönung der Reise: Ein Schweinswal begleitete uns minutenlang an der Steuerbordseite und spielte im Kielwasser der PLAN SEA –
ein fast magischer Abschiedsgruß der See.
Kurz vor Flensburg sorgte ein versehentlich gedrückter roter Knopf am Gashebel noch für einen kurzen Moment der Verwirrung, bevor wir um 15:20 Uhr sicher festmachten. Die Rückreise nach Hannover
führte uns schließlich zurück in den Regen und die Kälte, doch die Erinnerung an diese Woche, in der wir trotz der statistischen 50 Liter Regen fast immer auf der Sonnenseite segelten, blieb
ungetrübt.
Gute Nacht.

